STOLPERworte - In Messing geprägt – gesprochen ins Herz  

  

Aus einem Stolperstein in Köln entwickelte sich das von Gunter Demnig ins Leben gerufene Projekt zu dem größten dezentralen Mahnmal mit mehr als     75 000 Stolpersteinen europaweit.

Gemeinsam mit den Stuttgarter Stolperstein-Initiativen verlegt Gunther Demnig von 2003 bis heute mehr als 900 Stolpersteine in Stuttgart. 

Um diese Stolpersteine nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar zu machen, startet die Initiative Stolpersteine Stuttgarter-Ost gemeinsam mit der Akademie für gesprochenes Wort – Uta Kutter-Stiftung ein Projekt zur Vertonung der bewegenden Biografien hinter den Stolpersteinen. 

 Unter dem Titel STOLPERworte lesen die Sprecher*innen der Akademie für gesprochenes Wort die Biografien, die durch die umfangreiche Recherchearbeit der ehrenamtlichen Mitglieder der Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost entstanden sind.

Präsentiert wird dieses Projekt in Form eines regelmäßig erscheinenden Podcasts. Diesen finden Sie auf allen Plattformen, auf denen es Podcasts gibt. 


Stolpersteinführungen anzufragen unter info@stolpersteine-stuttgart-ost.de

Lesungen:
Sonntag, 26. September 2021, 11 Uhr im Hotel Silber
"Das Schloss springt bald" - Lesung mit Musik in drei Teilen zu den Stuttgarter Widerstandskämpfern Karl Bergmann, Fritz Philipp und Alfred Hausser
mit Waltraud Leucht, Enkelin von Fritz Philipp, Christoph Küster, künstlerischer Leiter des Studio Theater Stuttgart, Frank Eisele und Gudrun Greth.

Donnerstag, 4. November 2021, 20 Uhr im La Lune Open Space/MUSE-O
„Besseresser - Schlangenkunde – Jüngstes Gericht und andere sprachliche Köstlichkeiten“
 

Texte von Guillermo Aparicio und Josefine Vogl 

vorgetragen vom Schauspieler Eberhard Boeck, einer spanischen Freundin und Gudrun Greth 

Nächste Stolpersteinverlegungen:
am 1. Dezember 2021, dem 80. Jahrestag der ersten Deportation jüdischer Menschen aus Stuttgart:
Die Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost verlegt zwei Stolpersteine für
Dr. Simon Schmal und seine aus Ostheim stammende Frau Grete Schmal, geb. Schmidt in der König-Karl-Str. 44 in Stuttgart-Bad Cannstatt, wo sich deren Kinderarztpraxis und die Wohnung befand. Die Stolpersteine werden gespendet von einer ehemaligen Patientin von Dr. Schmal.

Im Frühjahr 2022:
Stolpersteinverlegung vor der Ostheimer Schule als Ergebnis eines  Kooperationsprojekts mit der Ostheimer Schule für
Sergej Schibaew und Terenty Lavrik, beide Zwangsarbeiter aus Russland, beschäftigt beim Tiefbauamt der Stadt Stuttgart, die in der Ostheimer Schule untergebracht waren, die am 12. September 1944 in Stuttgart erhängt wurden, sowie ein Stolperstein für das Kind Anatoli Sacharow der ebenfalls dort untergebrachten Zwangsarbeiterin Ewgenila Scharadinowa aus Russland, das nicht einmal acht Monate alt wurde und weitere ehemalige Zwangsarbeitende.


Ehrenamtliches Engagement Erinnerungskultur - Machen Sie mit!

Falls Sie Fragen oder Anregungen zu Angehörigen haben, die Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost unterstützen oder eine Putzpatenschaft übernehmen möchten, melden Sie sich gerne unter info@stolpersteine-stuttgart-ost.de

Zu vorangegangenen Ereignissen scrollen Sie bitte weiter nach unten.




Im Gedenken an unser Gründungsmitglied

Guillermo Aparicio 

1940 - 2021

Foto: Guillermo Aparicio (links) mit Gerhard Götze und Gudrun Greth bei der Verlegung der Stolpersteine für Familie Schneck 2008 in der Stöckachstraße.

Erinnerung an Guillermo Aparicio 

 
Der Stuttgarter Osten war 1980 bis 2001 seine Heimat und die seiner Familie und diese Heimat bedeutete ihm viel. Er war bedeutsam für die Menschen in seiner Heimatstadt Stuttgart, denn er maß ihnen, ihrem Leben und ihrem Zusammenleben viel Bedeutung bei, beobachtete und beschrieb feinsinnig und wenn es sein musste mit deutlichen Worten was er erlebt, gesehen und erfahren hatte in den Gesprächen und beim Schlangestehen vor der Ladenkasse. 
 
Guillermo Aparicio erkannte früh den Wert der Vielfalt, lebte und liebte aktives Gestalten und Kultur mit großer Wahrhaftigkeit – unermüdlich und oft still. „Exoten ins Rathaus“ war der Slogan für eine Kampagne, Menschen mit Einwanderungsgeschichte in den Gemeinderat zu wählen. Seine Kandidatur ließ ihn nicht Politiker werden, politisch war und blieb er auch nach der Wahl, bei der Shala Blum und Gordana Golubovic als erste Migrantinnen ins Rathaus gewählt wurden – unterstützt von „Apa“.
 
Seine malende Schreibe ließ einen beim Lesen schon die Speisen riechen und schmecken, die er in seiner Kolumne „Das Jüngste Gericht“ sorgsam zubereitete. Seine hellwachen Kommentare öffneten den Blick für Wichtiges, Menschliches und zu wenig Beleuchtetes.
 
Wer war Guillermo Aparicio? 
1940 in Miranda de Ebro im Norden Spaniens geboren – zur Zeit der Franco-Diktatur im 2. Weltkrieg – das prägt. Seine außergewöhnliche Begabung führte ihn in ein Jesuiten-Internat. Er, der nach dem Studium der Theologie und Philosophie Priester wurde, lernte im Mai 1963 seine Josefine kennen. Nach siebenjähriger Brieffreundschaft heirateten die Beiden – Papst Paul VI hatte der erbetenen Suspendierung nicht zugestimmt – und zogen nach Berlin. 1974 wirkte „Apa“ als evangelischer Studentenpfarrer in Aachen, dann bei Brot für die Welt – bevor er 1980 mit seiner Familie nach Stuttgart kam.
 
Guillermo Aparicio, Josefine Vogl und ihre beiden Töchter lebten in der Libanonstraße. Josefine Vogl hat in der Stuttgart Osten Lokalzeitung (STO) die Libanonstraße und auch weitere Straßen des Stuttgarter Ostens ausführlich und liebevoll beschrieben. Die STO war eine kulturelle Stadtteilzeitung - 1988 bis 1999 monatlich von Ehrenamtlichen geschrieben -, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, „eine kritischere öffentliche Meinung zu schaffen.“  „Apa“ war Redaktionsmitglied der ersten Stunde. Seine Frau Josefine Vogl schuf durch ihre dortigen Theater- und Veranstaltungskritiken eine Kulturchronik des Stuttgarter Ostens.

Es war ihm wichtig, das Gedenken an die Menschen, die 1933 – 1945 aus dem Stuttgart Osten vertrieben und verfolgt wurden, aufrecht zu erhalten. So gehörte er zu den Gründern der Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost, die diese Erinnerungskultur in Stuttgart begann.

Guillermo Aparicio schrieb Gedichte auf Deutsch. Er liebte es, mit der Sprache zu spielen, sie zu erforschen und sie zu nutzen. Er schrieb für den SWR, für die taz und für ein vielfältiges Leben in Frieden und Freiheit. 

Winnenden, wo „Apa“ von 2001 bis zu seiner Rückkehr nach Stuttgart 2018 lebte, schätzt ihn außerordentlich als „einen der wichtigsten Autoren Winnendens nach 1945“ – ein Literaturprojekt sollte ihn würdigen – daraus musste leider ein Nachruf werden. Der Leiter des Projekts schrieb an die Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost: “Ich möchte mit meinen Schülern sehr gerne dazu beitragen, dass das Werk und die Person dieses für die bundesrepublikanische Literaturgeschichte wichtigen Autors nicht vergessen wird.“
Guillermo Aparicio schlief am 26. Mai 2021 nach einem gesundheitlichen Leiden friedlich ein. 

Die Ostend-Buchhandlung führt Bücher von Guillermo Aparicio , von denen hier nur einige Titel genannt werden sollen: „Meine Wehen vergehen. Gedichte.“ „Lob der Pellkartoffel: Literarisches Kochbuch für Deutsche, Halbdeutsche und Undeutsche.“ „ Spanisch für Besserwisser.“ „Der Schlangenkunde. Geschichten.“ „Windmühlen sind keine Giganten: Briefe an Don Miguel de Cervantes vierhundert Jahre nach seinem Tod.“ 

 
In der Lesung „Besseresser - Schlangenkunde – Jüngstes Gericht und andere sprachliche Köstlichkeiten“ bringen der Schauspieler Eberhard Boeck, eine spanische Freundin und Gudrun Greth am Donnerstag, 4. November 2021 um 20 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) Texte von Guillermo Aparicio und Josefine Vogl auf die Bühne des  Theater La LUNE im MUSE-O
Eine schöne Gelegenheit, sich an die beiden Wahl-Ostheimer mit Herz, Hand und Schreibe zu erinnern oder sie neu kennenzulernen. 
 
 


Im Gedenken an
Esther Bejarano
15.12.1924 - 10.07.2021

Wir gedenken der Überlebenden Esther Bejarano, Friedensaktivistin und ehemaliges Mitglied des Mädchenorchesters von Auschwitz,
dankbar für ihr Vorbild und Ihr nimmermüdes Engagement, mit dem sie ihr (Über-)Leben dem "Nie wieder" widmete.

Hören und sehen Sie Esther Bejarano bei ihrer Ansprache zum 8. Mai 2021:
Esther Bejarano – Wir sind da! Meine Befreiung im Mai 1945 und meine Hoffnungen. - Das Auschwitz-Komitee 
bzw. in ihrem Buch mit CD  "Erinnerungen: Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts"

"Der 8. Mai muss ein Feiertag werden - arbeiten wir daran!" Unterschreiben Sie die von Esther Bejarano initiierte Petition · 8. Mai zum Feiertag machen! Was 76 Jahre nach Befreiung vom Faschismus getan werden muss! · Change.org 

Im Gedenken an 

Gerhard Hiller 

1934 - 2020

Gerhard Hiller hat das Gedenkprojekt der Stolpersteine in Stuttgart mitbegründet und in mehr als zwanzig Jahren entscheidend mitgeprägt.

 

Die auf seinem christlichen Glauben beruhende menschliche Haltung und sein tiefer Sinn für Gerechtigkeit ließen ihn unerschrocken Unrecht klar beim Namen nennen und sich mit aller Kraft für Gerechtigkeit einsetzen. Aus dem Unrecht, das Menschen in der NS-Zeit erlitten hatten, die ja zugleich Gerhards Kindheit und Jugendzeit war, zu lernen und dafür zu sorgen, dass so etwas nicht mehr vorkomme, war Gerhard ein Herzensanliegen. 

 

Gerhard Hiller war ein so wichtiger Teil des Gedächtnisses des Stadtteils und er nutzte seinen scharfen Verstand, sein umfangreiches Wissen und seine Kenntnis, um aus der Geschichte zu lernen und dies auch anderen Menschen zu ermöglichen. Ob es die Vikarinnen des Pfarrkovents, der schwäbischer Heimatbund, Stadträte, junge Menschen waren oder ältere – einen lebendigeren Geschichtsunterricht als einen Erinnerungsgang mit Gerhard Hiller durch Gablenberg kann man sich kaum vorstellen. Die Menschen lernten gerne von Gerhard, sie spürten seine Persönlichkeit und spürten, dass sie ihm wichtig waren. So gewann Gerhard viele Interessierte, Mitwirkende und Unterstützende für die Erinnerungskultur der Stolpersteine.

 

Zehn Jahre nach Beginn der Zeitzeugensuche im Stuttgarter Osten gründete sich die Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost am 9. November 1998 nach einem Stadtteilrundgang anlässlich des 60. Jahrestages der Progromnacht offiziell.  Einer akribischen Recherche ergreifender Einzelschicksale und aufwändige Suche nach Zeitzeugen folgte die Veröffentlichung im Rahmen der Ausstellung „Tür an Tür“.

 

Gerhard Hiller ermöglichte durch seine Verbindung zur Kirchengemeinde, dass sich die Stolperstein-Initiative auch nach dem Weggang der beteiligten Pfarrer in Gemeinderäume treffen konnte und dass kirchliche Gedenktage in Kooperation geplant wurden. 

 

Mit großer Beharrlichkeit setzte sich Gerhard Hiller 2002 dafür ein, dass im Eingangsbereich des Neubaus des Bürgerzentrums Ostheim ein Mahnmal errichtet werde. Kabarettreif waren teilweise die Auseinandersetzungen über den Unwillen der Ratsmehrheit, sich zu erinnern. 

Der Schmerz über die Ablehnung durch den damaligen Bezirksbeirat blieb, aber ein großer Erfolg war die fortan zugesicherte Unterstützung der Stadtverwaltung für die Stolpersteinbewegung. 

 

2003 konnten die ersten Stolpersteine im Stuttgarter Osten verlegt und eine Auftakt-veranstaltung im Theater im Depot durchgeführt werden. Die starke Resonanz der Angehörigen und Überlebenden aus aller Welt, auf deren Wunsch Stolpersteine auch in anderen Stadtteilen verlegt wurden, führte zur Gründung weiterer Stadtteilinitiativen, die Gerhard wesentlich unterstützte. „Er zeigte Stuttgart-West, wie wir es anfangen und weiterführen sollen. Ich bin ihm sehr dankbar dafür“, schrieb ein Mitglied der Initiative Stuttgart-West.   

 

Das Projekt weitete sich auf das ganze Stadtgebiet aus, eine Veranstaltung im Theaterhaus war der Auftakt, eine gemeinsame Website die Plattform, die die Ergebnisse der Recherchen weltweit verbreitet und in der weiterhin die Ergebnisse von Gerhards ehrenamtlicher Erinnerungsarbeit in Form der biographischen Artikel, die er geschrieben hat, sichtbar sind. 

Der Stuttgarter Bürgerpreis, 2019 zeugt von der Nachhaltigkeit der Erinnerungsarbeit, an der Gerhard Hiller maßgeblichen Anteil hatte.

 

Gerhards Beharrlichkeit und seinen engagierten Umsetzungswillen spürten auch die Leitungen der Archive und Verwaltungen, mit denen er regelmäßig verhandelte. 

2009 veröffentlichte Gerhard in dem Buch „Stuttgarter NS-Täter den Artikel „Ernst Niemann – Der Reichsbankrat und Judenerpresser“ – eine Recherche, sie bei der Stolpersteinverlegung am 21. September 2020 wieder wichtige Grundlage war . 

„Herr Hiller war sehr wichtig für unsere Schule. Er war nicht nur mehrfach als Zeitzeuge in Klassen und hat sich immer für unser Schulleben interessiert, er hat auch Vieles zu unserer Festschrift anlässlich des hundertjährigen Schuljubiläums beigetragen,“ schrieb  die Leiterin des Wagenburggymnasiums.

 

Gerhard waren Klarheit und Klärung immer wichtig. So auch in der schwierigen Frage: Für wen sollen Stolpersteine verlegt werden? 
Höchst zuverlässig verwaltete Gerhard die Spenden für die Stolpersteine zuerst als Revisor, dann als Kassenverantwortlicher. 

 

Viele Jahre war Gerhard Hiller zusammen mit Gerhard Götze Ansprechperson der Initiative, deren Kontaktadresse und Vertreter in der Koordination der Stuttgarter Initiativen. 

Mit der Anrede „Geliebte im Herrn“ lud zu er uns zu den Sitzungen, leitete die Besprechung, beteiligte sich engagiert an Diskussionen, Konferenzen und pflegte liebevoll Kontakte mit Ehemaligen - ob sie nun nach Hamburg nach San Francisco oder nach Geislingen weggezogen waren. 

 

Als Ur-Gablenberger, kannte Gerhard die Geschichte und die Geschichten der Gablenberger und den Stuttgarter Osten und gab sie mit Wissen, Kenntnis und knitzem Humor mündlich und schriftlich weiter. „Eine von mir in schönen Stunden verfasst Geschichte von Eiff, die von der Cannstatter Zeitung veröffentlich werden soll“, schrieb er uns - berichtend über seinen Artikel zu dem Stuttgart Maler und Glaskünstler. 

 

So manches Werk schrieb er abends, während seine Luise im Kirchenchor sang. Gerhard bezog seine Familie immer ein in die Stolpersteinarbeit und die Familie unterstütze ihn dabei. Es das machte Gerhard glücklich, wenn seine Luise ihn begleitete, ihn unterstützte. Als einmal ein Buchstabe `S´ zu viel auf dem Namenszug auf einem Stolperstein stand oder als Stolpersteine erstmals zu putzen waren, wusste Gerhard: „Das macht meine Tochter, das kann mein Schwiegersohn“ und später hieß es „das bringt mein Enkel“ oder “da frag ich meine Enkelin“. Gerhard erzählte auf unseren Besprechungen immer begeistert von seiner Familie und war stolz, wenn sie ihn zu Veranstaltungen begleiteten. 

Unser Stolpersteinfreund Gerhard Hiller ist uns sehr nahe. Wir sind froh, dass wir im August das 20-jährige Jubiläum mit ihm zusammen im MUSE-O feiern konnten. Unsere Gedanken werden oft bei Gerhard sein und wir werden seine Arbeit fortsetzen. Wir sind sehr dankbar, dass wir vieles von Gerhard lernen, von ihm hören, mit ihm erleben und mit ihm lachen durften. 

Wir sind Familie Hiller sehr dankbar für ihre Unterstützung und werden die Erinnerung an Ihren lieben Gerhard stets in ehrendem Gedenken wahren und seine Erinnerungsarbeit fortsetzen.


Rückblick auf die Stolpersteinverlegung für  Betty Schmal , geb. Oberdorfer
geboren am 24. Juni 1874 Pflaumloch,
nach Eschenau deportiert am 7. Januar 1942, nach Theresienstadt deportiert am 22. August 1942.
Tod am  30. September 1943 in Theresienstadt
am Montag 21. September 2020, in der Heidehofstr. 9

Am Montag, 21. September 2020, verlegte der Künstler Gunter Demnig in der Heidehofstr. 9 einen Stolperstein für Betty Schmal , geb. Oberdorfer, geboren am 24. Juni 1874 Pflaumloch,
nach Eschenau deportiert am 7. Januar 1942, nach Theresienstadt deportiert am 22. August 1942.
Tod am  30. September 1943 in Theresienstadt.

Höhepunkt war die in Deutsch gehaltene Ansprache von Stephen Schmal, Enkel von Betty Schmal, der per virtueller Schaltung aus den USA an der Zeremonie teilnehmen konnte. 

„Im schönsten Wiesengrunde“                                       Leonie Christen, Saxophon

Begrüßung                                                                           Gudrun D. Greth

„Ukolébavka“                                                                       Leonie Christen, Saxophon

Betty Schmal - Biografisches                                         Gudrun D. Greth 

Jüdisches Altersheim  - historischer Bezug              Mathias Christen

Stolpersteinverlegung                                                      Gunter Demnig

Grußwort Bezirksbeirat S-Ost                                        Charlotta Eskilsson, Bezirksvorsteherin S-Ost
Grußwort der Jüdischen Gemeinde                             Susanne Jakubowski, Vorstandsmitglied IRGW

Grußwort eines Freunde des Enkels                            Michael Ammann, Berlin
Videobotschaft des Enkels von Betty Schmal          Stephen Schmal, USA     

„Ich wandre durch Theresienstadt“                             Lied von Ilse Weber  

Wir bedanken uns für die interessierte und wertschätzende Teilnahme unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsregeln bei allen Menschen, die sich Zeit genommen haben, Betty Schmal und ihrer Familie zu gedenken, darunter - neben den Sprechenden - die Kursstufe Deutsch des Wagenburggymnasiums mit ihrer Lehrerin, Angehörige der Familie Ammann, Nachbarn und zahlreiche Interessierte. 

Wir bedanken uns bei Frau Hilke Lorenz, dank deren Artikel "Eine ungewöhnliche Freundschaft" in der Stuttgarter Zeitung sich zwei Menschen meldeten, denen der Sohn von Betty Schmal, Dr. Simon Schmal, als äußerst hilfreicher Arzt in bester Erinnerung geblieben ist - eine große Freude für dessen Sohn Stephen. 

Abgesagt werden musste leider die für Sonntag 15. März 2020 geplante Vernissage im  MUSE-O Stuttgart-Gablenberg.
 

Familienabend - eine Erinnerung für die Zukunft

abgesagt werden mussten leider die für  19.3., 20.3. und 12.5. und 13.5.2020 jeweils um 19 Uhr im MUSE-O  geplanten Vorstellungen. 

Theater Lokstoff bietet einen neuen Erinnerungsraum für die Gestaltung unserer Zukunft. 
Wie in einer Familie werden an diesem Familienabend die Erinnerungen an die Malerin Käthe Loewenthal, die in der Ameisenbergstraße 32 gelebt und gemalt hatte, durch Geschichten, Dokumente und Andenken die Deportierten für einen Moment wieder lebendig, um sie im Gedächtnis unserer Gesellschaft zu verankern und vor dem Vergessen zu bewahren. Lebendige Erinnerung kann nur im fortgesetzten, gemeinsamen Gespräch entstehen. Durch den Familienabend mahnen uns die Stolpersteine nicht nur „Vergesst uns nicht!“, sondern erinnern uns an unsere kollektive Verantwortung für die Zukunft.
Das künstlerische Erbe der jüdischen Malerin Käthe Loewenthal wird von den Großenkeln weiter lebendig gehalten. Bilder der Künstlerin sind auch in der Stolperstein-Jubiläums-Ausstellung zu sehen.

Abgesagt werden musste leider die für Mittwoch 25. März 2020, 14:30 Uhr  geplante Stolpersteinführung am Stöckach.

Abgesagt werden musste leider die für Freitag  22. Mai 2020, 19 Uhr      "Eine Viktor-Ullmann-Stunde".


Programm
  Ansprache zu Leben und Werk des Komponisten

HÖLDERLIN-LIEDER (1943) für Frauenstimme und Klavier
Sonnenuntergang (Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir...)
Der Frühling (Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt...)
Abendphantasie (Vor seiner Hütte, ruhig im Schatten...)
 
2. KLAVIERSONATE Op.19 (~1938)
1. Allegro energico e agitato
2. Moderato.  Thema und 8 Variationen  zu einem mährischen Volkslied,
aufgezeichnet von Leoš Janaček
3. Prestissimo

DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE (1944)
Melodram (12 Stücke) aus der Dichtung Rainer Maria Rilke‘s für Sprecher und Klavier

Christiane Moreno                                  Sprache

Aurea Marston                                           Sopran

Amador Buda Fuentes Manzor       Klavier
Marcus Gerhardts                                   Ansprache


Christiane Moreno - Sprache

Aurea Marston - Sopran

Amador Buda Fuentes Manzor       Klavier

Abgesagt werden musste leider das für Dienstag 26. Mai 2020, 19 Uhr Petruskirche S-Gablenberg geplante Konzert mit dem GISMO-GRAF-TRIO

Gismo Graf und sein Vater Joschi Graf, Mitbegründer des Zigeli-Winter-Quintetts, unterstützen die Erinnerungskultur der Stolperstein-Initiativen seit vielen Jahren nachhaltig und engagiert. Wir sind sehr froh, dass das Gismo-Graf-Trio, das auch große Konzerthallen füllt, ein Gedenkkonzert anlässlich des Stolperstein-Jubiläums in Stuttgart-Gablenberg gibt.

Stolpersteinführung am Stöckach Freitag 5. Juni 2020, 17 Uhr - nur mit Anmeldung.
Die kostenlose Führung dauert ca. 1  1/2 Std.

Erfahren Sie von Menschen, die am Stöckach gelebt haben und die in der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Darunter jüdische Menschen, ein kommunistischer Stadtrat, eine alteingesessene Sintifamilie und kranke Kinder.

Abgesagt werden musste leider die für Mittwoch, 10. Juni 2020, 19 Uhr  geplante Veranstaltung "Auf- und Abwärts mit Else Kienle - 1900-1970 - auf  "ihrer Staffel", die am 7. März 2016 von Mascha Riepl-Schmidt und dem damaligen Sozialbürgermeister Werner Wölfle eingeweiht wurde.
Die frühere "Unperson" Dr. Else Kienle, die sich während der Weimarer Republik mutig gegen den damaligen § 218 engagierte, ist jetzt im Stuttgarter Gedächtnis lokal verankert.

Eine biographische Vorstellung und gemeinsame Erkundung mit Dr. Mascha Riepl-Schmidt.

Abgesagt werden musste leider die für 14. Juli 2020, 19 Uhr in der Stadtteilbücherei Stuttgart-Ost, Schönbühlstr. 88 geplante Veranstaltung „VÖLKER DER ERDE" - Literarische Entgegnungen zur Sprache der NS-Justiz
Szenische Lesung mit Gedichten, Liedern und Theater von Paul Celan, Nelly Sachs und Bert Brecht in der Gegenüberstellung mit Protokollen des Stuttgarter NS-Gerichts von 1944 mit Boris Burgstaller, Gabriele Hintermaier, Wilma Heuken.

Die Sprache: rau, roh, verfälschend, verletzend. Lieder verführend, manipulierend. Kein neues Phänomen.  Der Buchbinder Adolf Gerst hatte sich kritisch gegenüber der nationalsozialistischen Politik geäußert, wurde von Kollegen denunziert und in Stuttgart wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt. Adolf Gerst wurde im Lichthof des Justizgebäudes hingerichtet. Die Anzeige gegen ihn und das Protokoll seiner Hinrichtung werden in der Lesung betrachtet.  Dem gegenüber stehen Gedichte und Texte von Nelly Sachs, Paul Celan und Bert Brecht, deren Sprache anders ist: differenziert, analytisch, auf der Suche nach Wahrheit und mitfühlend. Am Ende wird ein Bericht von Ursula Boger über das Schweigen der Täter nach Kriegsende gelesen. Ihr Großvater, Wilhelm Boger, ehemaliger Gestapobeamter der Württembergischen Gestapo, war im Auschwitzprozess wegen Mordes verurteilt worden.                                           

Eine StolperKunst Produktion.                                                                             

Boris Burgstaller, in Stuttgart geboren, war nach seiner Schauspielausbildung am Theater Münster, am Theater Dortmund, an der Württembergischen Landesbühne Esslingen und den Städtischen Bühnen Freiburg engagiert. Über seine Theatertätigkeit hinaus war er in zahlreichen Fernsehproduktionen zu sehen, u.a. in der Schwarzwaldserie Die Fallers. Seit 1993 gehört Boris Burgstaller zum Ensemble des Schauspiel Stuttgart. Er ist Mitinitiator von StolperKunst.                                                                       
Gabriele Hintermaier war nach ihrer Schauspielausbildung am Theater Münster, am Theater Dortmund, an der Württembergischen Landesbühne Esslingen und den Städtischen Bühnen Freiburg engagiert. Als Nachwuchsschauspielerin des Jahres wurde sie 1986 in der Zeitschrift Theater Heute nominiert. Seit 1993 ist Gabriele Hintermaier Mitglied im Ensemble des Schauspiel Stuttgart. Sie ist ebenfalls Mitinitiatorin von StolperKunst.                                           

Wilma Heuken singt seit ihrer Kindheit und hat mit neun Jahren angefangen, Akkordeon zu spielen. Das macht sie bis heute solistisch und in verschiedenen Besetzungen, konzertant und zur Untermalung. Musik und Wort sind die zentralen Bestandteile ihrer Bühnenprogramme. Sie komponiert für Akkordeon, vertont Gedichte und schreibt eigene Lieder. Seit 2017 engagiert sich die Musikerin bei StolperKunst. Die in Nordrhein-Westfalen aufgewachsene Diplom-Soziologin lebt heute in ihrer Wahlheimat Stuttgart

Abgesagt werden muss leider die für Sonntag 28. Juni 2020, 15 Uhr im MUSE-O S-Gablenberg geplante Finissage der Ausstellung 

Donnerstag 9.7.2020             Stolpersteinverlegungen in Stuttgart

11 Uhr Beginn der Zeremonie zur Verlegung eines Stolpersteins für Günther Rüdenauer durch den Kölner Künstler Gunter Demnig in der Strombergstr. 20.

Bitte beachten Sie zur Sicherheit aller Anwesenden die geltenden Abstands- und Hygieneregeln.

Günther Rüdenauer 

18. Februar 1905 Stuttgart-Ost – 30. April 1944 Eichberg/Hessen

 

Als die Eltern von Günther Rüdenauer am 30. Juli 1936 heirateten, verteilte das Stuttgarter Standesamt bereits an alle Hochzeitspaare Hitlers „Mein Kampf“ als Geschenk zur Hochzeit. Der in Stuttgart 1905 geborene Packer Julius Rüdenauer und seine aus Freiburg stammende Frau Irmgard (Jahrgang 1911) wohnten im Erdgeschoss der Strombergstraße 20. 

 

Das Haus befindet sich gegenüber der ehemaligen Strickwarenfabrik Paul Kübler  - mitten im von Industrie und Arbeit geprägten Stuttgarter Osten. Alle sozialdemokratischen und kommunistischen Vereine und Parteien waren verboten, viele Menschen passten sich an. Vermutlich war es ein Schock für das Ehepaar Rüdenauer als bei ihrem Sohn Günther  eine „Hirnleistungsschwäche“ diagnostiziert wurde. Günther wurde katholisch getauft. Wir wissen wenig über sein kurzes Leben in der Strombergstraße. 

 

Statt einer Meldekarte findet sich im städtischen Melderegister nur dieser handschriftliche Zettel, der auf seine Deportation am 27.07.1944 nach Eichberg/Hessen verweist, wo er in die Abteilung 4 der „Kinderfachabteilung“ aufgenommen wurde.Statt Eichberg steht da "Eichelberg / Lutherheim" –  vermutlich wurde dies mündlich falsch überliefert.

 

Unter der Patientennummer 606 diagnostizierten die Ärzte in Eichberg „Hirnleistungsschwäche, Durchfall und Herz- und Kreislaufschwäche“ als Todesursache bei Günther Rüdenauer. 
 

Vermutlich wurde dem Jungen in den zwei Monaten, die er in der „Kinderfachabteilung Eichberg“ war, Luminal verabreicht wurde, ein Schlafmittel, das Durchfall und Herz-/Kreislaufschwäche als Nebenwirkung hat. Fernab von seiner Familie und in den Händen herz- und gewissenloser Ärzte und Pflegerinnen starb Günther Rüdenauer im Alter von nur sechs Jahren. Er wurde am 05.10.1944 auf dem Alten Friedhof Eichberg/Hessen in Feld E, Grabnummer 197 beerdigt. Dass bis 1985 kein Gedenkstein auf dem Alten Friedhof an die Opfer der „Kindereuthanasie“ erinnerte und die nahegelegene Klinik auf dem Eichberg (Vitos-Klinik) ohne Unterbrechung psychisch kranke Menschen behandeln konnte und aktuell einen Neubau auf dem Gelände des Alten Friedhofs plant, zeugt auch nach dem Ende des Nationalsozialismus noch von ungeheurer Unmenschlichkeit gegenüber dem Leid der Opfer. 

 

In Erinnerung an das Ostheimer Kind Günther Rüdenauer, das - ermordet von Ärzten in der NS-Zeit - in tiefster Verlassenheit in Eichberg/Hessen starb, erinnert künftig ein Stolperstein, den Gunter Demnig am 9. Juli 2020 um 12:00 Uhr vor dem Elternhaus in der Strombergstr. 20 verlegt. 

 

Recherche: Gudrun D. Greth, Tessa von Ledebur

In die Vorstellung des NS-Regimes von einer „reinrassig-arischen Volksgemeinschaft“, die die Herrschaft nicht nur über das eigene Volks übernimmt, sondern einen bis dahin beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug startete, der zunächst die politischen Gegner verfolgte und ermordete, passten weder Kranke noch Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen - sie wurden als „unnütz“ dargestellt, systematisch erfasst und ermordet. An ihnen – auch an kranken Kindern - erprobte man die systematische Ermordung von Millionen Menschen. Der NS-Staat verfolgte und ermordete Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Volkszugehörigkeit, ihrer Religion, ihrer Sexualität und selbst aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Unmutsäußerungen. 

 

Hitler hatte bereits 1929 unter Berufung auf darwinistische Wissenschaftler wie Alfred Ploetz auf dem „Reichsparteitag“ in Nürnberg erklärt, dass die „Beseitigung von 700.000 bis 800.000 der Schwächsten von einer Million Neugeborenen jährlich, eine Kräftesteigerung der Nation bedeute und keinesfalls eine Schwächung“ – der Begriff der „Rassehygiene“ sollte der Bevölkerung plausibel machen, dass der NS-Staat Kinder mit Behinderung einem „sanften Tod“ („Euthanasie“) zuführt. 

 

Die Umsetzung der systematischen Ermordung wurde mit Beginn des 2. Weltkrieges als wirtschaftliche Notwendigkeit dargestellt und in grausamer Weise bis Kriegsende umgesetzt. Etwa 5000 Kinder fielen dieser NS-Tötungsaktion zum Opfer. Das Schreiben einzelner Eltern an Hitler mit der Bitte um „Gnadentod“ für ihr schwer behindertes Kind wurde zum Anlass für einen Runderlass des „Reichsministeriums des Inneren“ genommen, der alle Hebammen, Ärzte und Gesundheitsämter verpflichtete, Neugeborene und Kleinkinder zu melden, die als schwach oder behindert anzusehen und damit der Ermordung zu überstellen waren. 

 

Für jede Meldung einer „verdächtigen Kindes“ wurden 2 Reichsmark bezahlt. 

Falls das neugeborene Kind verdächtig ist mit folgenden schweren angeborenen Leiden behaftet zu sein:

1.    Idiotie sowie Mongolismus (besonders Fälle, die mit Blindheit und Taubheit verbunden sind),

2.    Mikrocephalie,

3.    Hydrocephalus, schweren bzw. fortschreitenden Grades,

4.    Mißbildungen jeder Art, besonders Fehlen von Gliedmaßen, schwere Spaltbildungen des Kopfes und der Wirbelsäule usw.,

5.    Lähmungen einschließlich Littlescher Erkrankung

Betroffene Kinder wurden in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ eingewiesen, die in Wirklichkeit Tötungszentren in bestehenden Kliniken waren, in denen unter ärztlicher Leitung Kinder z.B. mit Überdosen des von der Pharmafirma Beyer hergestellten Schlafmittels Luminal getötet wurden. 

Teilweise wurden die Kinder unter falschen Versprechungen aus ihren Familien geholt: In der Klinik würden sie geheilt, lernten sie sprechen oder könnte man sie medizinisch besser versorgen als zu Hause... Vielfach versuchten Eltern erfolglos ihre Kinder zurückzuholen. Die meisten der Kinder, die an den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ gemeldet wurden, wurden nicht in Augenschein genommen von den Ärzten, die mittels eines roten Kreuzes ihr Todesurteil verhängten. 

Die systematische Ermordung der etwa 5000 kranken und behinderten Kinder wurde unglaublich lange verdrängt oder verleugnet. Wesentliche Täter lebten unbehelligt und arbeiteten weiter als Ärzte, genossen ihre Pension, Angehörige strengten Prozesse an gegen Journalisten und Wissenschaftler, die die Geschichte der Krankenmorde und der Zwangssterilisationen in Stuttgart öffentlich machten. 

Dr. Karl Horst Marquart stellt in seinem 2016 erschienenen Buch "Behandlung empfohlen - NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart" das Ergebnis seiner Recherchen zur „Kindereuthanasie“ u.a.  anhand der Sterbelisten in Stuttgart dar: Insgesamt wurden 74 Stuttgarter Kinder in „Kinderfachabteilungen“ ermordet: 55 Kinder in Stuttgart (davon 13 aus dem Umland und neun Kinder von Zwangsarbeiterinnen), 39 Stuttgarter Kinder in Eichberg/Hessen und 2 Stuttgarter Kinder in Ansbach. 

Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" gab zwar der „eugenischen“ Sterilisation und Abtreibung eine gesetzliche Grundlage, nicht aber den Tötungen. Rechtlich gesehen galt daher auch im NS-Staat das Töten von Menschen als Totschlag oder Mord. Daher versuchte man die Tötungen auch geheim zu halten.

 

Nach 1945 stellten Politik, Justiz und Bundestagsmehrheit die Krankenmorde als durch das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" gerechtfertigt dar. Damit wurden die verantwortlichen Ärzte entlastet und die Entschädigungsansprüche der Hinterbliebenen mit der gleichen Argumentation abgewehrt wie die der Zwangssterilisierten. Erst als kaum mehr einer der Tötungsärzte belangt werden konnte und es kaum mehr Hinterbliebene gab, die klagten, rang sich der Bundestag zur "Ächtung" des NS-Gesetzes durch.

Donnerstag 9.7.2020             Stolpersteinverlegungen in Stuttgart

11 Uhr Beginn der Zeremonie zur Verlegung eines Stolpersteins für Günther Rüdenauer durch den Kölner Künstler Gunter Demnig in der Strombergstr. 20.

Bitte beachten Sie zur Sicherheit aller Anwesenden die geltenden Abstands- und Hygieneregeln.

Günther Rüdenauer 

18. Februar 1905 Stuttgart-Ost – 30. April 1944 Eichberg/Hessen

 

Als die Eltern von Günther Rüdenauer am 30. Juli 1936 heirateten, verteilte das Stuttgarter Standesamt bereits an alle Hochzeitspaare Hitlers „Mein Kampf“ als Geschenk zur Hochzeit. Der in Stuttgart 1905 geborene Packer Julius Rüdenauer und seine aus Freiburg stammende Frau Irmgard (Jahrgang 1911) wohnten im Erdgeschoss der Strombergstraße 20. 

 

Das Haus befindet sich gegenüber der ehemaligen Strickwarenfabrik Paul Kübler  - mitten im von Industrie und Arbeit geprägten Stuttgarter Osten. Alle sozialdemokratischen und kommunistischen Vereine und Parteien waren verboten, viele Menschen passten sich an. Vermutlich war es ein Schock für das Ehepaar Rüdenauer als bei ihrem Sohn Günther  eine „Hirnleistungsschwäche“ diagnostiziert wurde. Günther wurde katholisch getauft. Wir wissen wenig über sein kurzes Leben in der Strombergstraße. 

 

Statt einer Meldekarte findet sich im städtischen Melderegister nur dieser handschriftliche Zettel, der auf seine Deportation am 27.07.1944 nach Eichberg/Hessen verweist, wo er in die Abteilung 4 der „Kinderfachabteilung“ aufgenommen wurde.Statt Eichberg steht da "Eichelberg / Lutherheim" –  vermutlich wurde dies mündlich falsch überliefert.

 

Unter der Patientennummer 606 diagnostizierten die Ärzte in Eichberg „Hirnleistungsschwäche, Durchfall und Herz- und Kreislaufschwäche“ als Todesursache bei Günther Rüdenauer. 
 

Vermutlich wurde dem Jungen in den zwei Monaten, die er in der „Kinderfachabteilung Eichberg“ war, Luminal verabreicht wurde, ein Schlafmittel, das Durchfall und Herz-/Kreislaufschwäche als Nebenwirkung hat. Fernab von seiner Familie und in den Händen herz- und gewissenloser Ärzte und Pflegerinnen starb Günther Rüdenauer im Alter von nur sechs Jahren. Er wurde am 05.10.1944 auf dem Alten Friedhof Eichberg/Hessen in Feld E, Grabnummer 197 beerdigt. Dass bis 1985 kein Gedenkstein auf dem Alten Friedhof an die Opfer der „Kindereuthanasie“ erinnerte und die nahegelegene Klinik auf dem Eichberg (Vitos-Klinik) ohne Unterbrechung psychisch kranke Menschen behandeln konnte und aktuell einen Neubau auf dem Gelände des Alten Friedhofs plant, zeugt auch nach dem Ende des Nationalsozialismus noch von ungeheurer Unmenschlichkeit gegenüber dem Leid der Opfer. 

 

In Erinnerung an das Ostheimer Kind Günther Rüdenauer, das - ermordet von Ärzten in der NS-Zeit - in tiefster Verlassenheit in Eichberg/Hessen starb, erinnert künftig ein Stolperstein, den Gunter Demnig am 9. Juli 2020 um 12:00 Uhr vor dem Elternhaus in der Strombergstr. 20 verlegt. 

 

Recherche: Gudrun D. Greth, Tessa von Ledebur

In die Vorstellung des NS-Regimes von einer „reinrassig-arischen Volksgemeinschaft“, die die Herrschaft nicht nur über das eigene Volks übernimmt, sondern einen bis dahin beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug startete, der zunächst die politischen Gegner verfolgte und ermordete, passten weder Kranke noch Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen - sie wurden als „unnütz“ dargestellt, systematisch erfasst und ermordet. An ihnen – auch an kranken Kindern - erprobte man die systematische Ermordung von Millionen Menschen. Der NS-Staat verfolgte und ermordete Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Volkszugehörigkeit, ihrer Religion, ihrer Sexualität und selbst aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Unmutsäußerungen. 

 

Hitler hatte bereits 1929 unter Berufung auf darwinistische Wissenschaftler wie Alfred Ploetz auf dem „Reichsparteitag“ in Nürnberg erklärt, dass die „Beseitigung von 700.000 bis 800.000 der Schwächsten von einer Million Neugeborenen jährlich, eine Kräftesteigerung der Nation bedeute und keinesfalls eine Schwächung“ – der Begriff der „Rassehygiene“ sollte der Bevölkerung plausibel machen, dass der NS-Staat Kinder mit Behinderung einem „sanften Tod“ („Euthanasie“) zuführt. 

 

Die Umsetzung der systematischen Ermordung wurde mit Beginn des 2. Weltkrieges als wirtschaftliche Notwendigkeit dargestellt und in grausamer Weise bis Kriegsende umgesetzt. Etwa 5000 Kinder fielen dieser NS-Tötungsaktion zum Opfer. Das Schreiben einzelner Eltern an Hitler mit der Bitte um „Gnadentod“ für ihr schwer behindertes Kind wurde zum Anlass für einen Runderlass des „Reichsministeriums des Inneren“ genommen, der alle Hebammen, Ärzte und Gesundheitsämter verpflichtete, Neugeborene und Kleinkinder zu melden, die als schwach oder behindert anzusehen und damit der Ermordung zu überstellen waren. 

 

Für jede Meldung einer „verdächtigen Kindes“ wurden 2 Reichsmark bezahlt. 

Falls das neugeborene Kind verdächtig ist mit folgenden schweren angeborenen Leiden behaftet zu sein:

1.    Idiotie sowie Mongolismus (besonders Fälle, die mit Blindheit und Taubheit verbunden sind),

2.    Mikrocephalie,

3.    Hydrocephalus, schweren bzw. fortschreitenden Grades,

4.    Mißbildungen jeder Art, besonders Fehlen von Gliedmaßen, schwere Spaltbildungen des Kopfes und der Wirbelsäule usw.,

5.    Lähmungen einschließlich Littlescher Erkrankung

Betroffene Kinder wurden in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ eingewiesen, die in Wirklichkeit Tötungszentren in bestehenden Kliniken waren, in denen unter ärztlicher Leitung Kinder z.B. mit Überdosen des von der Pharmafirma Beyer hergestellten Schlafmittels Luminal getötet wurden. 

Teilweise wurden die Kinder unter falschen Versprechungen aus ihren Familien geholt: In der Klinik würden sie geheilt, lernten sie sprechen oder könnte man sie medizinisch besser versorgen als zu Hause... Vielfach versuchten Eltern erfolglos ihre Kinder zurückzuholen. Die meisten der Kinder, die an den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ gemeldet wurden, wurden nicht in Augenschein genommen von den Ärzten, die mittels eines roten Kreuzes ihr Todesurteil verhängten. 

Die systematische Ermordung der etwa 5000 kranken und behinderten Kinder wurde unglaublich lange verdrängt oder verleugnet. Wesentliche Täter lebten unbehelligt und arbeiteten weiter als Ärzte, genossen ihre Pension, Angehörige strengten Prozesse an gegen Journalisten und Wissenschaftler, die die Geschichte der Krankenmorde und der Zwangssterilisationen in Stuttgart öffentlich machten. 

Dr. Karl Horst Marquart stellt in seinem 2016 erschienenen Buch "Behandlung empfohlen - NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart" das Ergebnis seiner Recherchen zur „Kindereuthanasie“ u.a.  anhand der Sterbelisten in Stuttgart dar: Insgesamt wurden 74 Stuttgarter Kinder in „Kinderfachabteilungen“ ermordet: 55 Kinder in Stuttgart (davon 13 aus dem Umland und neun Kinder von Zwangsarbeiterinnen), 39 Stuttgarter Kinder in Eichberg/Hessen und 2 Stuttgarter Kinder in Ansbach. 

Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" gab zwar der „eugenischen“ Sterilisation und Abtreibung eine gesetzliche Grundlage, nicht aber den Tötungen. Rechtlich gesehen galt daher auch im NS-Staat das Töten von Menschen als Totschlag oder Mord. Daher versuchte man die Tötungen auch geheim zu halten.

 

Nach 1945 stellten Politik, Justiz und Bundestagsmehrheit die Krankenmorde als durch das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" gerechtfertigt dar. Damit wurden die verantwortlichen Ärzte entlastet und die Entschädigungsansprüche der Hinterbliebenen mit der gleichen Argumentation abgewehrt wie die der Zwangssterilisierten. Erst als kaum mehr einer der Tötungsärzte belangt werden konnte und es kaum mehr Hinterbliebene gab, die klagten, rang sich der Bundestag zur "Ächtung" des NS-Gesetzes durch.

Sonntag 13.9.2020             Tag des offenen Denkmals 

Die Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost bietet Tag des offenen Denkmals eine Stolpersteinführung am Stöckach. 

Rückblick: Stolpersteinverlegungen am Montag 04. November 2019

für Klara Leucht und Heinrich Ott

Klara Leucht  –   ein Opfer der Krankenmorde an Kindern 

Insgesamt 99 Menschen waren anwesend, als der Stolperstein für Klara Leucht am 4.11.2019 von Gunter Deming verlegt wurde. In der sehr wertschätzenden Zeremonie sprachen Frau Rothenhäußler, Nichte von Klara Leucht. Frau Waltraud Leucht, eine weitere Nichte von Klara Leucht, hatte eine Videobotschaft gesandt. Der Arzt und Geschichtsforscher Dr. med. Karl-Horst Marquart berichtete vom Vorgehen des NS-Staates zu den Krankenmorden, der Medienkünstler Jürgen Czwienk berichtete von seiner Forschung im hessischen Eichberg und seinem akustischen Stolperstein. Zwei Schulklassen der Waldorfschule Uhlandshöhe sangen wunderschön, trugen ein Gedicht von Wolfgang Borchert mit einem Kanon vor und legten Blumen und eine Laterne nieder. Dorothe Kanne-Hettlers Akkordeonspiel schaffte eine nachdenklich-ruhige Stimmung.

Klara Leucht, eine 17-jährige junge Frau, ist ein zweites Opfer aus dem Stuttgarter Osten, das in der Landesheilanstalt Eichberg bei Eltville in Hessen ermordet wurde. Klara, am 17. September 1924 in Stuttgart geboren, war geistig und körperlich behindert. Sie bedurfte intensiver Pflege. Laut Schilderung einer Angehörigen ließ das Stuttgarter Gesundheitsamt Klara ohne Vorankündigung mitten aus einem Essen im Familienkreis abholen. „Zugeführt“ wurde sie der „Kinderfachabteilung“ der Landesheilanstalt am 15. September 1941. Dort ist sie bereits am 27. September verstorben. Als Todesursache nannte man den Eltern eine „Lungenentzündung“. Beerdigt wurde Klara auf dem Friedhof der Landesheilanstalt.

Die Mutter von Klara schrieb am 17. September einen Brief an die Eichberger Krankenschwestern, in dem sie ihr „Heimweh nach dem Klärchen“ zum Ausdruck brachte und darum bat, „von sich hören zu lassen“. Während der Naziherrschaft  gab es einen „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“. Ihm mussten schwer behinderte Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren gemeldet werden. Für diese Meldungen zuständig waren u. a. Heime, Ärzte, Hebammen. Der „Reichsausschuss“ entschied, in welche Heilanstalt mit „Kinderfachabteilung“ die Kinder zur weiteren „Pflege“ (Tötung) einzuweisen waren. Auf Grund ihres Alters hätte Klara Leucht dem Ausschuss nicht gemeldet werden müssen. Erst 1942 wurde das Meldealter auf 16 Jahre heraufgesetzt.  In dem Buch „Behandlung empfohlen“ ist das Schicksal von Klara Leucht ausführlich beschrieben. Die Familie Leucht wohnte in der Sickstraße 8. Das Haus befand sich in dem 1953 für das TWS-Gelände aufgelassenen Teil der Sickstraße (bis zur Werderstraße). Die ersten Häuser der Sickstraße wurden der Heinrich-Baumann-Straße zugeordnet.
Der Stolperstein für Klara Leucht wurde am 4.11.2019 um 11.50 Uhr in der Heinrich-Baumann-Straße, gegenüber Haus 25 B, am Spielplatz, verlegt. Das ehemalige Wohnhaus der Familie existiert nicht mehr, es befand sich auf dem jetzigen ENBW-Gelände.

Recherche: Waltraud Leucht, Elke Martin, Jürgen Czwienk, Gudrun D. Greth
Moderation: Gudrun D. Greth und Walter Geisse

Heinrich Ott  –  ein politisches Opfer

Heinrich Ott  wurde am 17. September 1888 in Mohrenhausen, Kreis Babenhausen, geboren. Er war verheiratet und hatte ein Kind. Beschäftigt war Heinrich Ott  „beim Daimler“. Bereits 1933 kam er wegen Flugblattverteilens gegen die Nazis in Schutzhaft  in das „Schutzlager Heuberg“, ein im März 1933 vom württembergischen Innenministerium eingerichtetes Konzentrationslager bei Stetten am kalten Markt. In diesem Lager wurden bereits im April 1933 politische Gegner aus Württemberg, Hohenzollern und Hessen inhaftiert. Bis August 1933 waren es fast 3.400 Männer. Das Lager wurde zum Jahresende 1933 aufgelöst und durch das auf dem Oberen Kuhberg in Ulm ersetzt.  Nach seiner Freilassung arbeitete Heinrich Ott bei der Firma Daimler in Untertürkheim. Dort wurde er 1942 von Betriebsangehörigen bei der Gestapo angezeigt, da er über Stalingrad sagte, dass der Krieg verloren sei und jeder Arbeiter mithelfen solle, den Krieg zu verkürzen. Zunächst konnte erreicht werden, dass die Anzeige zurückgestellt wurde, doch etwa ein halbes Jahr später griff ein neuer Sachbearbeiter den Vorgang wieder auf und lud am 25. Juni 1942 Ott  zur Vernehmung zur Gestapo um 8 Uhr morgens. Gegen Mittag des gleichen Tages wurde Frau Ott  von dem Tod ihres Mannes im Polizeigefängnis Stuttgart durch die Polizei benachrichtigt. Wie die Vernehmung Heinrich Otts zwischen 8 und 12 Uhr vor sich gegangen ist und was sich dabei alles ereignete, ist völlig unbekannt und liegt heute noch im Dunkeln. Frau Ott berichtete, dass das Gesicht der Leiche ihres Mannes hochrot und die Lippen ganz blau waren. Als Todesursache wurde ihr mitgeteilt, dass Ott an einem Herzschlag verstorben war. Nach Auskunft des Stuttgarter Mediziners Dr. Karl-Horst Marquart sind dies keine Anzeichen für einen Herzschlag, sondern eher für Aufhängen oder Erdrosseln. Nach Kriegsende hat seine Frau einen Antrag auf Wiedergutmachung gestellt, Zu diesem Antrag hat die Wiedergutmachungsbehörde Zeugenaussagen angefordert. Daraus ergibt sich das Bild, dass Heinrich Ott sich aktiv als Antifaschist in der SPD wie in der KPD betätigte und Familien von Verfolgten des Naziregimes unterstützte. Von seiner Aufgabe der Verbreitung der von Auslandssendern abgehörten Kriegsberichten, wird berichtet. 
Der Stolperstein für Heinrich Ott  wurde am 4.11.2019 um 11:30 Uhr in der Wagenburgstraße 142 verlegt. Recherche: Elke Martin. Moderation: Christian Michaelis. 

Vielen Dank für Ihre Stimme bei der Abstimmung zum Publikumspreis beim Deutschen Engagementpreis 2019, für den wir nominiert als Preisträger des Stuttgarter Bürgerpreises nominiert waren.  Wir haben Platz 82 erreicht.  

Im Januar 2019 hatte die Initiative Stolpersteine Stuttgart den Stuttgarter Bürgerpreis gewonnen.


Rückblick: Stolpersteinverlegungen in Stuttgart am 1. April 2019

Eugen Prötzel
7.7.1915     - 17.2.1940
Stuttgart - Mauthausen
Hornbergstr. 91

Eugen, Sohn von Hermann und Karoline Prötzel wohnte mit seinen Eltern und Geschwistern zunächst in Bad Cannstatt. Nachdem Tod des Vaters 1921 zog die verwitwete Mutter mit den Kindern nach Gaisburg in die Hauptstraße, die seit 1935 Hornbergstraße heißt.
Eugen Prötzel lernte 1930-34 bei Firma J. Albrecht in Bad Cannstatt den Beruf des Mechanikers. In der Gewerbeschule wurde er zwei Mal aufgrund seiner guten Leistungen ausgezeichnet.  Er pflegte Freundschaft mit kommunistisch eingestellten Arbeitskollegen, trat jedoch nicht der KPD bei. Am 23.6.1933 stand er mit einem weiteren jungen Kollegen Schmiere, als ältere Kollegen Parolen gegen die Nazis an Wände, u.a. am Zaun des Gaskessels, schrieben. Eine Woche später wurde er verhaftet. Das Amtsgericht Stuttgart verurteilte Eugen Prötzel am 22.8.1933 zu vier Wochen Haft auch wegen "Zusammenfaltens von 150 kommunistischen Flugblättern". Er geriet ins Visier der politischen Polizei (später Gestapo), die ihm aber keine Teilnahme an Aktivitäten der KPD nachweisen konnte. 1937 beendete er sein letztes Stuttgarter Arbeitsverhältnis, überschritt am 10.7.1937 ohne Pass die holländische Grenze und hielt sich ein Jahr lang in Holland und Belgien auf. Im Oktober 1938 wurde er festgenommen und er deutschen Grenzpolizei übergeben. Ein Schöffengericht in Krefeld verurteilte ihn wegen des Passvergehens zu 6 Wochen Haft, er wurde ins Gestapo-Gefängnis nach Welzheim überstellt. am 8.3.1939 kam er ins KZ Dachau und von dort am 27.9.1939 ins KZ Mauthausen, wo er am 17.2.1940 im Alter von 24 Jahren ermordet wurde. In einem von seiner Mutter nach Kriegsende beantragten Entschädigungsverfahren wurde Eugen Prötzel als politisch Verfolgter anerkannt. Sein Grab befand sich auf dem Gaisburger Friedhof.
 
Ansprachen:
Sigrid Brüggemann, Historikerin und Autorin
Ilse Kestin, IG Metall und VVN/BdA 
Musik:  Uta Germer-Hörsch
Verlegung:    Gunter Demnig, Künstler Moderation:  Walter Geisse, Gudrun Greth, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost

Die beiden Stolpersteinverlegungen in S-Ost fanden unter Beteiligung interessierter Bürgerinnen und Bürger statt. 

Besonders anrührend war die   Begegnung mit einer Besucherin der Stolpersteinverlegung, die erst einen Tag vor der Verlegung erfahren hatte, dass Eugen Prötzel der Bruder ihres Großvaters war.

Die Historikerin Sigrid Brüggemann, beleuchtete das kurze Leben von Eugen Brüggemann, berichtete aus ihrer Forschungsarbeit und drückte ihre Freude aus, dass nun ein Stolperstein an seinem letzten Wohnort an Eugen Prötzel erinnert.

Für die IG Metall, die den Stolperstein für den Metallfach-arbeiter Eugen Prötzel gespendet hat, sprach Ilse Kestin. 
Die Gedanken führten zu dem - heute wie damals so wichtigen -Zusammenhalt der Kolleginnen und Kollegen, der Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in der Ausbildung und bei der Arbeit, zu dem ebenfalls heute so notwendigen, klaren Bekenntnis zu einer gerechten, menschlichen Welt, zu Solidarität und einem Bewusstsein, für die Rechte und Belange der arbeitenden Menschen gemeinsam einzustehen und Unrecht nicht einfach geschehen zu lassen.

Die Anwesenden wünschten sich, dass auch die nachfolgenden Generationen durch die Lebensgeschichten von Eugen Prötzel und Karl Dentler für ihre Zukunft lernen können. 

Schulklassen u.a. Gruppen sind gerne eingeladen, sich für eine Stolpersteinführung oder eine Unterrichtseinheit anzumelden (beides kostenlos).
 


Karl Denzler
10.2.1906 - 27.12.1944
Stuttgart - Buchenwald
Wasserbergweg 8

Karl Dentler heiratete 1932 Maria Sackmann (geb. 15.8.1904).
Karl Dentler war u.a. bei dem Fellbacher Installateur Wilhelm Stoll und zuletzt bei Wilhelm Hilzinger in Stuttgart-Süd beschäftigt. Vom 18.3. bi 24.5. 1935 war er arbeitslos. Ende Mai 1935 wurde er wegen "Vorbereitung eines hoch-verräterischen Unternehmens" verhaftet und saß vom 8.2.1937 bis 15.4.1937 im Landesgefängnis Ludwigsburg ein. Von dort aus kam er in das berüchtigte Straflager II, Aschendorf-Moor, einem von 15 Konzentrationslagern im Emsland. Anschließend wurde er zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 27.12.1944 wurde Karl Dentler im Konzentrationslager Buchenwald ermordet.

Recherche: Elke Martin 
Verlegung:  Gunter Demnig
Musik:  Dorothe Kanne-Hettler
Ansprachen  und Moderation:  
Elke Martin, Gerhard Götze, Initiative Stolpersteine S-Ost

74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 2019

Ansprache von Gudrun D. Greth, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost

 
Als Mitglied der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost wurde ich gebeten, etwas zu den sogenannten Opfergruppen zu sagen.


Wenn wir aus der Vergangenheit lernen wollen für die Zukunft, ist es zunächst wichtig, den Überlebenden gut zuzuhören.
 
Elisabeth Guttenberger, Überlebende des Porajmos, des Verschlingens wie Sinti den Völkermord der Nazis nennen, Elisabeth Guttenberger, die im Februar 1926 in Stuttgart geboren, am 16. März 1943 mit ihrer Familie von München nach Auschwitz deportiert wurde und für die bis heute jeder Tag unendlich schwer ist, erzählt:
 
Als wir nach Auschwitz deportiert wurden, blieb unser Zug aus irgendeinem Grund plötzlich stehen. Aus der Gegenrichtung kam auch ein Zug, der genau neben uns gehalten hat. Da konnten wir dem Lokführer direkt ins Gesicht sehen, und mein Vetter fragte ihn: “Sagen Sie mal, wo ist das, was ist denn dieses Auschwitz?” Ich vergesse niemals die Augen dieses Lokführers. Er hat uns angestarrt und kein Wort herausgebracht. Denn er war einer von denen, die diese schrecklichen Menschentransporte fahren mussten. Er konnte nichts sagen, er hat durch uns hindurch gesehen. Erst in Auschwitz habe ich begriffen, weshalb dieser Mann uns keine Antwort geben konnte. Er war wie versteinert.

In ihrer Rede bei einer Gedenkveranstaltung am 16. Mai 2004 in Berlin sagte Elisabeth Guttenberger: „Man kann Auschwitz mit nichts vergleichen. Es ist immer noch unbegreiflich, wie es möglich war, an einem einzigen Ort so viele Menschen auf bestialische Weise umzubringen. Über 30 Angehörige habe ich in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern verloren, darunter meine Eltern und meine vier Geschwister. Ich allein habe überlebt. ….. Es ist mein größter Wunsch, dass die heutige und künftige Generation aus unseren schrecklichen Erfahrungen lernt, und dass Auschwitz nie wieder Wirklichkeit werden kann.“

Wie sorgen wir dafür, dass Auschwitz nie wieder Wirklichkeit werden kann?

Wie können wir aus der Vergangenheit lernen, menschlich und mutig handeln in der Gegenwart im Blick auf eine menschenwürdige und -werte Zukunft für alle Menschen.

Noah Flug, der 1925 in Lodz/Polen geborene Auschwitz-Überlebende, der 2011 in Jerusalem starb, sagte 2010 als damaliger Präsident des Internationalen AuschwitzKommitees:
"Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder für beendet zu erklären.

Auch deshalb wollen wir als Opfer und sollen wir als Opfer nicht vergessen werden. Auch die heutige und die zukünftige Welt müssen wissen, wie das Unrecht, die Sklaverei der Zwangsarbeit und der Massenmord organisiert wurden und wer die Verantwortlichen dafür waren. Dies soll immer wieder dokumentiert und den jungen Menschen erklärt werden: Zur Erinnerung an uns und unsere ermordeten Angehörigen und zu ihrem Schutz in ihrer Zukunft. Diese Erinnerung an unser Leid und an die Verbrechen der Nationalsozialisten soll deshalb auch zukünftig [..]ein zentraler Aspekt der großen Menschenrechtsdebatte, die weltweit geführt wird."

Der Nationalsozialismus benutzte die Juden – wie schon andere Herrschaftssysteme dies getan hatten - als Feindbild, um von den wirklichen gesellschaftlichen Problemen, die sein barbarischen System der gnadenlosen Eroberung der Welt verursachte, abzulenken. Damit wurde ein ganzes Volk mit einem Feindbild zu belegt, das es als bedrohlich überhöht und ein Zerrbild zeichnet, das den Nazis den Holocaust ermöglichte und das bis heute in Verschwörungstheorien weiterlebt.

Wie konnte das geschehen? Wie konntet Ihr das zulassen?

Diese Frage, die ich in meiner Herkunftsfamilie nie beantwortet bekam, die ich mir immer wieder neu stelle und die es immer wieder zu diskutieren gilt.

Kein sinnreiches Zitat erinnert uns an all die Menschen, die ermordet wurden, weil sie den Kriegsplänen der Nationalsozialisten im Wege standen, an die Menschen, die das NS-System mit erniedrigenden Zerrbildern belegte, systematisch in erniedrigende Schubladen wie „Asoziale“ „Arbeitsscheue“ presste und sie zur Hunderttausenden in den Lagern ermordete.

Lernen für die Zukunft bedeutet auch zu verstehen, dass zwischen 1933 und 1945 diejenigen Menschen, die nicht bereit oder nicht in der Lage waren, das unmenschliche NS-System und seine Kriegspläne zu unterstützen, systematisch erfasst und ermordet wurden.

In Stuttgart wurden in den letzten 20 Jahre ca. 900 Stolpersteine verlegt. Diese gespendeten Kleindenkmalen ermöglichen im öffentlichen Raum mehr von der Geschichte des eigenen Wohnorts zu erfahren. Sie geben den Menschen, die zwischen 1933 und 1945 aus dem Stadtteil deportiert und ermordet wurden, durch Erforschung ihres Namens, ihrer Geschichte und durch die Verlegung Ihren Namen und vielleicht dadurch einen Teil ihrer Würde wieder. Mit der Erinnerung als Mahnung für die Zukunft, den Forschungen, Verlegungen und Führungen tragen die Stolperstein-Initiativen zur politischen Bildung – vor allem auch junger - Menschen bei.

Stuttgarter Stolpersteine und Aufschriften an dieser Gedenkwand hier erinnern auch an die Stuttgarter ermordeten Sinti und Roma.

Für die Zukunft gelernt haben wir aber erst, wenn keine Sintizza, kein Sinto, kein Rom seine Volkszugehörigkeit mehr verschweigen muss aus Angst vor Diskriminierung, wenn Angehörige dieser Minderheit wirkliche Bildungschancen haben.

Um für die Zukunft zu lernen, ist die Erinnerung an die mehr als 200 000 Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen, geistigen oder seelischen Erkrankung ermordet wurden, unabdingbar und die Frage darf und soll gestellt werden: Warum gibt es immer weniger Menschen mit Trisomie21, dem sogenannten Down-Syndrom? Hinter den chic klingenden Begriffen „Designerbaby“ und „Genschere“ verbergen sich die Vorstellungen eines „Menschen nach Maß“ und keinesfalls einer Wertschätzung der Vielfalt des Lebens.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass wir von denen wissen, die aus politischen oder religiösen Motiven aktiven oder passiven Widerstand gegen das Regime leisteten, von den Kommunisten, den Sozialdemokraten und anderen politische Gegner des NS-Systems.

Gelernt haben wir dann, wenn Gedenksteine wie der für Lilo Hermann im Stuttgarter Unipark nicht geschändet, sondern als die Erinnerung als Mahnung für die Zukunft gepflegt werden.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass Jugendliche erfahren von den nicht angepassten und Widerstand leistenden Jugendliche wie den teilweise aus den Naturfreunden oder dem Rotfrontkämpferbund hervorgegangenen „Edelweißpiraten“, die u.a. Juden verstecken und versorgten, von der mutig-frechen Abgrenzung der Swingjugend.

Wie provokativ darf also Jugend heute sein wäre ein guter Maßstab. Darf ein 16jähriges Mädchen den Mächtigen der Welt sagen, dass die Zeit der Höflichkeiten vorbei ist mit den Worten: „Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es. Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht. „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Es hat den Anschein, dass Geld und Wachstum unsere einzige Sinnerfüllung sind.“

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass wir erinnern an die rund 30 000 ermordeten Kriegsverweigerer, die sogenannten Deserteure, dessen 2007 von 300 privaten Senderinnen und Spendern ermöglichtes und vom Aulendorfer Künstler Nikolaus Kernbach geschaffenes Denkmal in Stuttgart bis heute noch nicht vom Pragsattel in die Innenstadt gebracht werden konnte.

In Stuttgart wurden bisher auch zwei Stolpersteine für ermordete Homosexuelle verlegt.

Um für die Zukunft zu lernen, ist es wichtig, dass wir die nachhaltig diskriminierende Erziehung, die bis heute wirkt und Menschen ein schweres Leben in Scham und teilweise Angst zumutet, hinterfragen und dafür sorgen, dass sich niemand mehr schämen muss für sein Geschlecht, seine sexuelle Orientierung. Ein wichtiger Maßstab zur Akzeptanz der Vielfalt wird nicht zuletzt die historische Aufarbeitung des Unrechts sein gegenüber den Menschen, die wegen ihres Geschlechts und/oder wegen ihrer Liebe und Sexualität in der Zeit des Nationalsozialismus ausgegrenzt, unterdrückt und entwürdigt wurden.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass unzählige Menschen zwangssterilisiert und damit unwiederbringlich ihrer Zukunftsperspektive und der ihrer Familie beraubt wurden. Das grausame Wort „Vernichtung“ bleibt so bei Überlebenden eine täglich grausamer werdende Wirklichkeit.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass wir uns erinnern an die Menschen, deren Glauben die Nazis zum Anlass nahmen, sie zu ermorden, weil sie fürchteten, dass diese ihren Kriegsplänen im Wege stünden, an die ermordeten Katholiken und die Zeugen Jehovas, die man abwertend „Bibelforscher“ nannte und ermordete, weil sie den Kriegsdienst und den Hitlergruß verweigerten.

Die Frage ob der Islam zu Deutschland gehöre ist nur ein Ausdruck der Frage wie es um unsere Offenheit gegenüber Religionen steht.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass wir uns erinnern an die ermordeten Kriegsgefangenen, die Zwangsarbeiter und die Deportierten aus den von NS-Truppen eroberten Gebieten, zu denen nicht zuletzt die 143 unbekannten sowjetischen und die 257 namentlich bekannten französischen Kriegsgefangenen aus dem Gaisburger Lager gehören, die in der Nacht zum 15. April 1943 bei einem Luftangriff starben.

Wenn mir ein langjähriger Naturfreund vor drei Tagen sagte: „Unser Ziel, eine Welt ohne Kriege zu schaffen, müssen wir aufgeben“ stellt sich die Frage für die Jugend: Wie gelingt es uns, doch nicht aufzugeben.

Esther Bejarano, die im Mädchenorchester von Auschwitz Akkordeon gespielt hatte und auch heute mit über 94 Jahren noch auftritt, wendet sich aktiv gegen Krieg und Nazismus:
Ich wusste zunächst nicht, wie meine Eltern umgekommen sind; ich habe es erst später erfahren. Ich fand ihre Namen in einem Buch, in dem die Transporte von Breslau nach Kowno aufgelistet waren. Die Nazis haben ja ihre Verbrechen bürokratisch festgehalten. Und wenn ich mir vor Augen führe, dass meine Eltern sich in einem Wald nackt ausziehen mussten, man sie mit anderen Opfern in einer Reihe aufgestellt, dann einfach abgeknallt hat und sie dann in einen Graben gefallen sind – das ist für mich das Schlimmste und viel grauenhafter als all das, was ich in Auschwitz erlebt habe.“
Ihre Devise `Nie wieder Schweigen´ umsetzend stellte sie sich erst jüngst den Rappern Farid Bang und Kollegah entgegen.
Das Schlusswort überlassen möchte ich einer Frau, deren Namen Sie ebenfalls auf dieser Wand finden und die nach Auschwitz unermüdlich mahnt, nicht vom IHR, sondern vom WIR zu reden:

Inge Auerbacher (*31.12.1934), geboren in Kippenheim, aufgewachsen in Jebenhausen und Göppingen, Überlebende des Holocaust, wurde im August 1942 als Siebenjährige von hier - Stuttgart - nach Theresienstadt deportiert wurde. Inge Auerbacher rief am 27.12.2018 bei einer Ansprache in der Bruderhausdiakonie Reutlingen die Menschen auf, entschieden NEIN zu Rassismus und Antisemitismus zu sagen und sie schloss ihre – auch nach 70 Jahren in New York - in wunderbarem Schwäbisch gehaltene Rede in Englisch:
„My hope, my wish and prayer is for every child to grow up in peace without hunger and predjudice.“

Meine Hoffnung, mein Wunsch und Gebet ist es, dass jedes Kind in Frieden ohne Hunger und Vorurteil aufwachsen kann.“